Strömungsabriss bei zunehmenden Anstellwinkeln
Mit steigendem Anstellwinkel (α) wandert der Ablösepunkt der Grenzschicht von der Hinterkante Richtung Profilnase. Die Grenzschicht ist zuerst laminar, geht über einen Transitionsbereich in turbulente Strömung über und löst schliesslich ab. Beim kritischen Anstellwinkel (typisch ca. 15–16°) bricht der Auftriebsbeiwert CL ein, CD steigt sprunghaft, und der Druckmittelpunkt wandert. Das resultiert in einem Nickmoment und im typischen Buffet (Schütteln durch turbulente Ablösung über dem Höhenleitwerk). Steuerwirksamkeit nimmt stark ab — besonders Querruder werden träge oder kontraproduktiv.
Überziehgeschwindigkeit
Aus der Auftriebsformel L = ½·ρ·V²·S·CL folgt: Die Stallgeschwindigkeit hängt von Flächenbelastung (Wing Loading), Luftdichte und Lastvielfachem n ab. Die 1g-Stallspeed gilt nur im unbeschleunigten Horizontalflug. In einer Kurve mit 60° Querneigung ist n = 2, und Vs steigt um den Faktor √n ≈ 1,41. Ein vorderer Schwerpunkt erhöht Vs (mehr Abtrieb am Höhenleitwerk nötig), Power-on senkt sie scheinbar (Propellerschub-Komponente). In der Höhe bleibt die IAS-Stallspeed konstant, die TAS steigt — ein Punkt, der bei alpinen Flügen über Schweizer Pässen relevant wird.
Beginnender Strömungsabriss in Spannweitenrichtung
Wo der Stall an der Tragfläche zuerst einsetzt, hängt von der Flügelform ab: Rechteckflügel stallen an der Wurzel zuerst (gutmütig, Querruder bleiben wirksam), reine Pfeilflügel an den Spitzen (gefährlich). Konstrukteure setzen Geometric Twist (Wash-out, also negative Verwindung Richtung Flügelspitze) ein, um den Wurzel-Stall zu erzwingen. Das hält die Querruder im einsetzenden Stall steuerwirksam — entscheidend, weil Querruderausschlag an einer bereits abgerissenen Tragfläche sofort ins Trudeln führen kann.
Überziehwarnung
Jedes Flugzeug muss eine Stall-Warnung haben, die typischerweise 5–10 kt vor dem eigentlichen Stall anspricht. Mechanisch über Stall Strips (kleine Leisten an der Profilnase, die früh ablösen lassen) oder einen Flapper Switch, der bei hohem α nach oben gedrückt wird. Hinzu kommt aerodynamischer Buffet als natürliche Warnung. Recovery folgt einem klaren Schema: Anstellwinkel reduzieren (Steuer nach vorne), Power, Lage stabilisieren — Höhenverlust akzeptieren. Querruder bleiben neutral, bis die Strömung wieder anliegt.
Besondere Überziehphänomene
Power-on-Stalls geschehen bei niedrigerer IAS, aber höherem Anstellwinkel und können asymmetrisch sein. In Steig- und Sinkflug-Kurven verändern sich die effektiven Anstellwinkel der inneren und äusseren Tragfläche unterschiedlich. T-Leitwerke sind anfällig für den Deep Stall, weil das Höhenleitwerk im Nachlauf der abgerissenen Tragfläche liegt. Spin-Vermeidung ist Pflichtstoff: Entwicklung (Stall + Gieren), Erkennung, Recovery (PARE: Power idle, Ailerons neutral, Rudder gegen, Elevator vor). Vereisung am Stagnationspunkt verändert die Profilgeometrie, eliminiert die Stallwarnung und führt zu unvorhersehbarem Stallverhalten — im Winterhalbjahr in der Schweiz ein realistisches Szenario.
In der BAZL-Prüfung erwartest du Rechenfragen zur Stallspeed in der Kurve, Multiple-Choice zum Einfluss von CG/Power/Höhe und konzeptionelle Fragen zum Wash-out und zur Spin-Recovery.